„…diese allgemeine Unfähigkeit einen Menschen so wahr zu nehmen, wie er wirklich ist.“
HerrSchmidt
Weißt Du, wir basteln selbst ganz schön mit an dem Bild, das Andere von uns haben. Indem wir eben genau diese Klamotten tragen und keine anderen, indem wir genau diese Musik hören, indem wir genau diese Frisur haben, indem wir genau so sprechen, indem wir genau damit unsere Zeit verbringen.
Welches Bild hätten die Menschen von mir, wenn ich keine Tattoos hätte, keine Piercings, wenn ich nicht ein Jahr lang beim Radio gearbeitet hätte, mit 15 Anderen in meinem Jahrgang Kreatives Schreiben studieren, Kabarett machen und Kindergeschichten schreiben würde? Welches Bild hätten die Menschen von mir, wenn ich die Pläne verwirklicht hätte, die ich mit 19 hatte: Sozialversicherungsfachangestellte sein, heiraten, Kinder kriegen? Dann hätte ich jetzt wahrscheinlich soetwas wie Freizeit, und die würde ich mit Seidenmalen und Töpfern verbringen.
Welches Bild wäre wohl das Richtigere? Ehrlich gesagt: Ich bin mir da manchmal selbst nicht so sicher.
Die Frage ist doch: Was macht einen Menschen aus? Ich glaube, das, was ich mich beschäftigt, wenn ich nachts im Bett liege und nicht schlafen kann, ist für beide der oben genannten Varianten das Gleiche.
Manchmal sagt man, dass sich das wahre Gesicht eines Menschen offenbart, wenn man ihn liebt. Romantische Liebe nach Platon oder Hollywood. Wie auch immer.
Bullshit!
Klar, wenn Du Dich verliebst, ist sie die schönste Frau der Welt. Weil sie für dich die schönste Frau der Welt sein will. Weil Du für sie der schönste Mann der Welt bist. Weil Du für sie der schönste Mann der Welt sein willst.
Ihr brezelt Euch auf, wenn Ihr zu Euern Dates geht und verliebt Euch in das Bild, das Ihr im Spiegel seht bevor Ihr das Haus verlasst. Ihr verliebt Euch in verliebtes Gekicher und in verliebtes Haare-in-den-Nacken-Werfen und in verliebtes Anlächeln und verliebtes in-die-Augen-Schauen.
Und ein paar Monate später gibt es genau zwei Möglichkeiten:
1. Ihr wundert Euch darüber, dass Euer Bild irgendwie doch nicht der vermeintlichen Realität entspricht.
2. Ihr wundert Euch darüber, dass Euer Bild irgendwie doch nicht der vermeintlichen Realität entspricht, könnt aber mit der vermeintlichen Realität leben und bleibt trotzdem zusammen.
Hätten all diese Menschen sich jemals in mich verliebt, wenn sie gewusst hätten, wie ich rieche, wenn ich drei Tage nicht geduscht habe? Hätten sie sich in mich verliebt, wenn sie gewusst hätten, dass ich manchmal tatsächlich drei Tage lang nicht dusche? Weil ich dann so sehr in Selbstmitleid zerfließe, dass ich nichts weiter tun kann als den ganzen Tag im Schlafanzug im Bett zu liegen und mich von Schokolade und kaltem Kartoffelbrei zu ernähren?
Hätten sie sich in mich verliebt, wenn sie gewusst hätten, dass ich nicht nur die schöne Unterwäsche mit der Spitze im Schrank habe, sondern auch die total verwaschene, die am Bündchen schon mal geflickt ist? Hätten sie sich in mich verliebt, wenn sie gewusst hätten, dass es mich auch mit unrasierten Beinen gibt und dass mich das oft nicht einmal stört? Hätten sie sich in mich verliebt, wenn sie gewusst hätten, wie ich aussehe, wenn ich fünf Stunden lang geheult habe?
Ich glaube nicht.
Das Bild, das wir von anderen Menschen haben (oder die Skulptur), ist die Summe dessen, was wir sehen wollen und was uns gezeigt wird.
Wenn ich mit rotgeschminkten Lippen auf der Bühne stehe und mit rauchiger Stimme traurige Lieder singe, haben die Menschen ein anderes Bild von mir, als wenn sie mich an der Uni treffen, wo ich eine verwaschene Cordhose und löchrige Chucks trage.
Manchmal bekomme ich von denen, die mich nur rotgeschminkt kennen, zu hören, dass verwaschene Hosen nicht zu mir passen. Und umgekehrt sind die irritiert, die mich nur mit löchrigen Chucks kennen, wenn ich plötzlich den Vamp gebe.
Die, auf die es in meinem Leben ankommt, können beides in ihren Köpfen vereinen. Sogar die Sozialversicherungsfachangestellte und die Künstlerin.
Natürlich darf diese Skulptur nicht gebrannt werden. Sie würde zerbrechen, sobald ich mich bewegte. Und ich bewege mich eine Menge. Sie muss weich bleiben und geschmeidig. Diese Skulptur muss sich dem anpassen können, was der Mensch sieht, der sie gemacht hat. Und dem, was ich ihm zeige.
Eine interessante Theorie!
Wir sind die Lieferanten des Tonklumpens, der als Grundlage zur Modellierung dient. Da kann und möchte ich Dir gerne zustimmen. Dieser Tonklumpen hat – je nach Empfänger – immer eine andere Konsistenz, Farbe oder ein anderes Volumen. Von daher kann man natürlich nicht erwarten, dass der Gegenüber ein umfassendes Bild von einem bekommt. Das wäre ja dann auch wieder langweilig, wenn man nichts mehr zu entdecken hätte. Ein Mensch muss einfach auch immer ein stückweit unergründlich sein.
Ich finde zum Beispiel in diesem, Deinem, Beitrag eine Unmenge an Informationen, die mir bis dato unbekannt waren. Natürlich modelliere ich zeitgleich mit dem Lesen an meiner Skulptur von Dir. Und Dir wird es wahrscheinlich mit dem Lesen meines Beitrages ähnlich gegangen sein. Das ist alles auch gut so.
Es wird dann gefährlich oder sagen wir kritisch, wenn man anfängt bestimmte Teile auszublenden und durch Wünsche zu ersetzen. Dann verzerrt man die Realität bzw. deren Wahrnehmung. Und das endet dann meistens unschön.
Kommentar von Herr Schmidt — Januar 23, 2008 @ 1:53 |
Das endet meistens unschön. Da gebe ich Dir Recht.
Meine bisherigen Beziehungen sind im Grunde gescheitert, weil ich mich in dem Bild, das meine jeweiligen PartnerInnen von mir hatten, gefangen gefühlt habe. Sie haben nur die eine Seite gesehen und haben die andere ausgeblendet.
Andererseits weiß ich sehr genau, dass auch ich dazu neige, meine Wünsche auf mein Gegenüber zu projezieren. Das tun wir alle.
Gerade am Beispiel Liebesbeziehung lässt sich das sehr schön sehen.
Wir haben bestimmte Vorstellungen von der Art und Weise, wie wir eine Beziehung führen wollen. Vom Zusammenleben, von der Zukunft, davon, wie oft wir im Bett frühstücken oder vögeln wollen.
Und wir verlieben uns in einen Menschen, weil wir glauben, dass wir mit ihm diese Vorstellung von Zusammenleben teilen und verwirklichen können.
Natürlich blenden wir da gewisse Dinge aus. Wir verlieben uns oft nicht in den Menschen, sondern in die vermeintliche gute Fee, die jetzt endlich all unsere Wünsche erfüllen wird.
Und dann sind wir wieder bei dem, was unschön endet.
Ich glaube, dass es manchmal nur Zufall ist, dass die Vorstellungen und Wünsche, die wir haben, gerade mit dem Menschen uns gegenüber übereinstimmen.
Ich glaube, dass wir zu einem großen Teil aus purem Selbstschutz so denken. In Kategorien. In Schubladen. Stell Dir vor, es stellt sich heraus, dass der Mensch, in den Du alle Deine Hoffnungen gesetzt hast, gar nicht derjenige ist, der Deine Wünsche erfüllen kann. Dann bist Du verletzt. Und darum blenden wir gewisse Dinge aus. Und ersetzen sie durch Wünsche.
Da beißt sich die Katze selbst in den Schwanz.
Kommentar von Chris Hönigmann — Januar 23, 2008 @ 2:23 |
Ich werde niemals vollständig das Bild ausfüllen, das sich andere von mir malen.
Ich werde niemals vollständig das Bild ausfüllen, das ich selbst von mir habe.
Andere werden niemals vollständig das Bild ausfüllen, das ich mir von Ihnen male.
Das Bildermalen abstellen wird höchstens sehr „erleuchteten“ Menschen gelingen und ist zudem ein sehr hinterfragenswertes Talent.
Ergo?
Genau!
Kommentar von lordfoltermord — Januar 23, 2008 @ 4:44 |
@lfm: Wieso hinterfragenswert? Einen Menschen einfach als das zu sehen, was er wirklich ist, ohne eigene Vorstellungen auf ihn zu projezieren, halte ich nicht für hinterfragenswert (i. S. v. zweifelhaft), sondern für sehr löblich und erstrebenswert.
Wie entspannt könnte das Leben sein, wenn man sich nicht mehr damit abquälen müsste, den Vorstellungen der Menschen um sich herum zu entsprechen.
Ergo?
Kommentar von Chris Hönigmann — Januar 24, 2008 @ 9:33 |
@chris: Mir ist dabei folgendes durch den Kopf gegangen: Wenn ich einen mir nahe am Herzen befindlichen Menschen frage, wie er mich beschreiben würde und er wäre derart „erleuchtet“, würde er/sie mir eine ganze Reihe von Eigenschaften nennen, die mir heftiges Kopfnicken verursachen, ohne sie in irgendeiner Form zu bewerten. Wäre ich damit wirklich zufrieden? Möchte ich nicht auch ein „…und das finde ich gut so!“ hintendran gehängt bekommen? Ich denke schon…Wie wären wir denn ohne jegliche Bewertung und die damit verbundenen Gefühle? Meines Erachtens schaffen wir uns mit jedem Bild auch eine Bewertung. Das Problem scheint mir also weniger die Bewertung als solches zu sein, sondern die meinem Gefühl nach falsche Bewertung, die meist aus einem falschen Bild resultiert.
Ich kann aber nicht mein ganzes Leben damit verbringen, falsche oder unvollständige Eindrücke von mir zu korrigieren, also tue es dies vor allem bei Menschen, die mir wichtig sind und muss damit leben, auch weiterhin unterschiedlich wahrgenommen zu werden.
Es wäre schon viel geholfen, wenn jeder seine Vorstellungen von Anderen hin und wieder gehörig hinterfragt. Damit sind viele aber schon überfordert oder zu selbstgefällig dazu und das ist schade…
Kommentar von lordfoltermord — Januar 24, 2008 @ 10:44 |
Mmmhh…ich muss da noch was ergänzen: Der größere, wenn nicht größte Teil der Eigenschaften, mit denen man belegt wird, trägt ja qua Bezeichung schon eine Wertung in sich. Soundso groß, blaue Augen, rote Haare…das kann man als objektiv bezeichnen. Was aber ist mit gutmütig, stattlich, verwegen, hübsch, eigensinnig, durchsetzungsfähig, hilflos, unabhänig usw usf…? Zu jedem dieser Adjektive haben wir alle doch ein regular oder sad smile im Kopf.
Dazu kommt, dass ich mich beispielsweise als mit stabilem Selbstwertgefühl ausgestattet bezeichnen könnte, ein anderer genau dieses aber als arrogant einstuft.
Naja…
Kommentar von lordfoltermord — Januar 25, 2008 @ 8:23 |
Mein erster Besuch hier.. und an diesem Beitrag habe ich mich festgelesen.. Macht mich schon nachdenklich, aber ich muss und kann zum Glück auch widersprechen. Sicher, eine flüchtige Verliebtheit endet dann, wenn man merkt, dass das Bild des Anderen nicht mit den Träumen, Wünschen und Sehnsüchten übereinstimmt, die man projiziert hat. Aber es scheint sie doch zu geben, diese Liebe – die das nicht nur aushält, sondern festigt, stärkt. Den Mann, der mich sieht, wenn ich unausgeschlafen und ungeschminkt bin und auf mein Jammern sagt: ‘Ich weiß gar nicht, was Du hast – ich kenne Dich noch ganz anders und Du bist immer wunderschön!’ Und umgekehrt genauso..
Und das jetzt niederzuschreiben und die Gewissheit zu haben, dass er für mich da ist, auch wenn er sehr weit weg ist und wir uns lange nicht sehen werden, hält mich jetzt genau davon ab, das zu tun: die nächsten Tage im Bett zu verbringen und mich von „Schokolade und kalten Kartoffelbrei“ zu ernähren..
Trotzdem weiß ich genauso, dass man einen Menschen nie ganz kennen kann und wird.. und wenn man noch so lange zusammenlebt. Das kann schiefgehen – aber auch immer wieder für schöne Überraschungen sorgen..
Das macht doch auch das Wesen der meisten Menschen aus – nach 3 Tagen im Bett eben wieder aufstehen, durchatmen, duschen und das Leben wieder wahrnehmen. Neu anfangen, immer wieder.
Jetzt lese ich gerne hier noch ein bisschen weiter und freue mich, das gefunden zu haben.
Kommentar von FrauVivaldi — Februar 9, 2008 @ 2:33 |